Hybride Gebäude für die Zukunft

Mit Chris Kühn MdB, Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik der grünen Bundestagsfraktion und Mitglied im Ausschuss für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Kommunen, und Dietmar Kathan als Vertreter der Kammergruppe Bodenseekreis der Architektenkammer Baden-Württemberg und Leitender Architekt bei GMS Freie Architekten in Kressbronn habe ich über die Zukunft des Bauens gesprochen und darüber wie innovatives, ökologisches Bauen aussehen könnte. Dass es eine Wende braucht, steht für mich fest: Denn ohne die Bauwende kann es leider auch keine Klimawende geben. Lieben Dank für das spannende, inspirierende Gespräch.

„Beton ist ein Klimakiller“, sagte Chris. Allein das Baustoffunternehmen Heidelbergcement stößt mehr klimaschädliches Kohlendioxid aus als die gesamte Landwirtschaft. Das hat mich überrascht, hätte ich so nicht gedacht. Hans Joachim Schellnhuber, Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), habe die Klimaschädlichkeit des Bauens mit dem „Elefanten im Raum“ umschrieben. Das Problem sei für alle offensichtlich, sagte Chris. 40 Prozent aller klimaschädlichen Emissionen entstehen beim Betrieb und Bau von Wohnungen. Diese Tatsache werde viel zu wenig in den Fokus gerückt.

Chris warb, um beim Bauen auf den 1,5 Grad Pfad zu kommen, für die Alternative Holzbau. Holz sei der Baustoff der Zukunft, weil in Holzhäusern anders als bei klimaschädlichem Zement ein nachwachsender Rohstoff verbaut werde, der auch noch CO2 speichert. Doch mit Holz allein gehe es nicht. „Neue Gebäude werden hybride Gebäude sein“, prognostizierte Chris. Auch Holzhäuser brauchen eine Bodenplatte aus Beton. Ganz entscheidend komme es darauf an, dass es in Zukunft beim Bauen eine Kreislaufwirtschaft gibt und Rohstoffe aus Altgebäuden wieder in neue eingebaut werden. Kühn warnte, Häuser, die heute nach KfW-Norm gebaut werden, seien immer noch nicht mit dem Pariser Klimaabkommen kompatibel.

Einig waren wir uns: Der Flächenfraß kann so nicht weitergehen. Wir setzen auch deswegen verstärkt auf den Bestand mit vielen leerstehenden Gebäuden und die Sanierung. Das Motto muss lauten: „Modern im Alten bauen.“ Wir wollen darüber hinaus Wärmepumpen statt neue Gasheizungen und sehen uns durch den Kurs der EU Kommission und Vorgaben der Kommissionspräsidentin bestärkt. Statt in einzelnen Gebäuden, denken wir viel lieber in Quartieren.

Architekt Dietmar Kathan stimmte den Überlegungen zum Flächenbrauch zu, kritisierte aber auch „unsägliche Nachverdichtung“, die er gesehen habe. In Bezug auf Wohnungsgrößen stellte er fest: „Wir gönnen uns zu viel.“ Einen Schlüssel bei der Bauwende sieht er in genossenschaftlichem Bauen. Nicht alle Baugrundstücke dürften bei „Haifischen“ landen. Der Grundbesitz spiele eine wichtige Rolle. Nötig sei eine „Bodenwende“. Oft kommen Kommunen nicht an die Fläche und am Ende bauen dann wieder Bauträger. Ich sehe eine riesengroße Herausforderung darin, in Zukunft zugleich sozial- und klimagerecht zu bauen. Bauen und wohnen müssen bezahlbar bleiben.

Dietmar Kathan sprach sich aus Gründen des Klimaschutzes dafür aus, lokale Baustoffe zu verwenden. Kein Verständnis habe er, dass Kies über hunderte Kilometer in die Region transportiert werde, während gleichzeitig Kies in die Schweiz exportiert werde.

Auch der Tettnanger Architekt Christian Knapp, der sich über den Chat zu Wort meldete, sieht die Zukunft in genossenschaftlichem Wohnen. Dadurch werde auch verhindert, dass Wohnungen zu Höchstpreisen wiederverkauft werden. Zu den Vorzügen genossenschaftlicher Wohnanlagen gehört zudem, dass zum Beispiel nicht jede Wohnung ein Gästezimmer brauche, wenn es ein gemeinschaftliches Gästeappartement gibt, das alle Bewohnerinnen und Bewohner nutzen und teilen können.

Dass die Bauwende kommen muss, war auch bei den rund 20 Mitdiskutierenden aus dem Bodenseekreis unstrittig. Einfacheres, damit auch kostensparendes Bauen und mehr Sachverstand seien nötig. Kritisch sahen Architektinnen und Architekten in der Diskussion die vielen unterschiedlichen Landesbauordnungen. Mehr Einheitlichkeit wäre hilfreich. Der Laubengang, der in einem Bundesland erlaubt ist, muss auch in einem anderen möglich sein. Auch fehlte zum Beispiel Dietmar Kathan das Verständnis für hohe Anforderungen an den Brandschutz zum Beispiel in Bürogebäuden, in denen sich keine schlafenden Menschen aufhalten. Das größte Versäumnis bisher – und auch darin herrschte große Einigkeit bei dem virtuellen Gespräch – ist, dass beim ökologischen Bauen fast ausschließlich an Neubauten gedacht werde. Ob die Bauwende zum Schutz des Klimas gelingt, hängt aber maßgeblich davon ab, was im Bestand passiert. Hier gebe es aber kaum Konzepte. Damit wäre eine Aufgabe für die nächste Legislatur benannt. Wir sind bereit!

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